Archiv für Dezember 2015

Gäst*innenbeitrag der Gruppe DIVA

Dieser Text kommt von der Gruppe DIVA und wird hier mit Unterstützung des FemRef veröffentlicht.

Am 26.11. haben wir, einige weiße Frauen*_Lesben, in der Unihalle ein Plakat mit der Aufschrift „Scheidungsseminar coming soon… Polyamouröses Lesbennetz“ aufgehangen. Als veranstaltende Gruppe wurde DIVA angegeben, als deren Symbol eine stilisierte Vulva abgebildet war. Dieses Plakat war eine spontane Reaktion auf ein bereits länger hängendes Plakat der Hochschulgruppe DIWAN, welches Werbung für ein „Ehevorbereitungsseminar & Buchvorstellung“ machte. Sowohl inhaltlich als auch in der Gestaltung wurde durch uns auf dieses Plakat Bezug genommen.

Intention: Kritik an der Institution Ehe

Unser Anliegen war und ist es, Kritik an der Ehe als einer heteronormativen und patriarchalen Institution zu äußern, die auf hegemonialen gesellschaftlichen Begehrensformen und (binären) Geschlechterkonstruktionen aufbaut. Die Ehe normalisiert und fördert eine ganz bestimmte Lebensweise, delegitimiert andere oder stellt sie zumindest in ihrer Glaubwürdigkeit infrage. Die Ehe steht für exklusive heterosexuelle Zweierbeziehungen mit dem Ziel, Kinder hervorzubringen. Darüber hinaus ist sie traditionell mit einer Sexualmoral verknüpft, die nicht-heterosexuelle Begehrensformen sowie außereheliche Sexualität verurteilt und bestraft. Sie ist ebenfalls eng gekoppelt mit traditionellen Geschlechterbildern und –rollenaufteilungen.

Die Ehe kann als Instrument der sozialen Kontrolle verstanden werden, mithilfe derer Regierungen/religiöse Organisationen Familie und Sexualität regulieren und eben nur bestimmte Lebensweisen privilegiert werden. Weiterhin gehen mit der Ehe (sexuelle) Besitzansprüche an den_die Ehepartner_in einher. Die Kleinfamilie, also das Ehepaar und dessen Kinder, wird oft als kleinste Einheit der Gesellschaft verstanden, an der die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem verläuft. Mit dem Verweis auf die Privatsphäre können existierende strukturelle Machtverhältnisse innerhalb von Ehe oder Familie verschleiert werden.

Die Institution Ehe stützt also patriarchale Strukturen und delegitimiert Lebensweisen von Menschen, die sich jenseits heterosexueller Zweierbeziehungen und binären Geschlechter-konstruktionen bewegen. Mit unserem Plakat wollten wir dies kritisieren und andere L(i)ebens-formen und -entwürfe sichtbar machen und der Ehe entgegenstellen. Uns geht es dabei nicht darum, individuelle Entscheidungen für oder gegen eine Ehe zu kritisieren. Unsere Kritik richtet sich gegen Strukturen, die Ehe als die normale, die beste oder die einzig legitime Art des Zusammenlebens propagieren.

Wie ging es weiter?

Das Plakat hing keine zwei Stunden in der Halle, da wurde die aufgemalte Vulva herausgerissen. In der sich daran entzündenden Diskussion wurde dies damit begründet, das Plakat ziehe die Religion in den Schmutz und verletze religiöse Gefühle, und könne deswegen nicht hängenbleiben. Am nächsten Tag war das Plakat nach einer Beschwerde seitens DIWAN durch das Facility Management abgehängt worden, da keine verantwortliche Hochschulgruppe darauf stand. Etwa gleichzeitig veröffentlichte DIWAN auf ihrer facebook-Seite eine Stellungnahme, in der sie unser Plakat als „respektlosen und beleidigenden Akt einer islamfeindlichen Gruppierung“ bezeichneten, auf Twitter war von „provocative actions of racist groups“ die Rede.

Mit Unterstützung der HSG Kritik & Utopie wurde von uns ein zweites, identisches Plakat aufgehangen. Daraufhin wurden wir persönlich abermals gebeten, die Vulva aus dem Plakat zu entfernen, da sie religiöse Gefühle beleidige und gegen die Menschenwürde nach Artikel 1 GG verstoße. Wir entschieden, das Plakat mit Vulva hängen zu lassen: die Vulva stellt für uns ein feministisches Symbol dar, welches mit Berechtigung im öffentlichen Raum hängen darf.

Rassismusvorwurf

Wir streiten die Existenz von antimuslimischem Rassismus nicht ab. In Zeiten von PEGIDA, ISIS sowie den jüngsten Anschlägen in Paris ist „der Islam“ in der allgemeinen Öffentlichkeit ein ständig präsentes, viel umstrittenes und kritisiertes Thema. Meistens wird er hierbei relativ einseitig verhandelt: es wird kaum zwischen dem Islam, Islamismus oder Jihadismus unterschieden, eine ständige Gefahr durch islamistischen Terrorismus wird suggeriert und „der Islam“ erscheint durchweg wenn nicht als Feindbild, so doch zumindest als das Gegenstück eines zivilisierten Europas. Nach Attia (2009) wird dabei das muslimische Andere als homogene Negativfolie zu einem fortschrittlichen, emanzipierten europäischen Selbst konstruiert und dient somit der Aufwertung der konstruierten Eigengruppe.

Im antimuslimischen Diskurs nimmt auch die Thematisierung des Geschlechterverhältnisses einen zentralen Bezugspunkt ein: „der Islam“ wird als wesenhaft frauenfeindlich und sexistisch verhandelt, in Abgrenzung zum aufgeklärten Europa, das sexistische Verhältnisse vermeintlich überwunden und die „Befreiung der Frau“ beziehungsweise die sexuelle und geschlechtliche Selbst-bestimmung bereits erreicht habe. Die „eigenen“ Sexismen und Ungleichheitsverhältnisse können so verschleiert und ausgeklammert werden. In diesem Kontext wurden und werden feministische Ansprüche immer wieder rassistisch instrumentalisiert1 .

Wir wissen, dass sich die Kritik und das Handeln einer weißen feministischen Gruppe somit vor dem Hintergrund eines sehr machtvollen Feldes bewegt. Wir sind uns auch bewusst, dass wir Rassismus nie aus der Betroffenenperspektive erleben und somit die Wirkung unseres Handelns immer nur begrenzt be_greifen können. Dennoch erachten wir den Rassismusvorwurf seitens DIWAN an dieser Stelle für nicht gerechtfertigt. Wir wissen, dass es sich bei Muslim_as nicht um ein statisches, homogenes Kollektiv handelt. Wir wissen um die marginalisierten innermuslimischen Kämpfe homosexueller und queerer Muslim_as und solidarisieren uns mit diesen2. Unser Anliegen ist es an dieser Stelle nicht, „den Islam“ oder Religion(en) als solche zu kritisieren oder zu diskreditieren. Wird jedoch, wie in diesem Fall, eine Religion dafür genutzt, patriarchale Strukturen zu legitimieren, so hinterfragen und kritisieren wir die Strukturen, die diese Argumentation ermöglichen!

Ebenso geht es uns nicht darum, uns selbst als befreite und emanzipierte Individuen darzustellen. Wir sehen uns mit sexistischen, heteronormativen Erwartungen tagtäglich konfrontiert und können nicht außerhalb der Wirkmächtigkeit dieser Normen leben. Auch der verlängerte Arm der Ehe, die romantische Zweierbeziehung, innerhalb derer sich viele von uns befinden, unterliegt unserer Kritik. Auch wenn wir in den derzeitigen Verhältnissen die Notwendigkeit mancher Ehen sehen3, und jede_r sich selbst für oder gegen eine Heirat entscheiden können soll, kritisieren wir selbige als Institution. Uns geht es um die Anerkennung aller Formen des verantwortlichen Zusammenlebens, seien diese lesbisch, schwul, bi, pan, hetero, poly, mono oder was auch immer! Das „Polyamouröse Lesbennetz“ ist sicherlich nur eine von vielen möglichen Alternativen.

Die Vulva und die religiösen Gefühle

Das Ersetzen des Halbmondes (dem Symbol von DIWAN) auf unserem Plakat durch eine Vulva kann so gelesen werden, als sei der Islam per se nicht mit Feminismus vereinbar. Diese Aussage wäre antimuslimisch und wird von uns nicht vertreten. Es sollte nicht nahe gelegt werden, dass der Halbmond für einen per se rückständigen Islam steht und die Vulva im Gegensatz dazu für einen fortschrittlichen Feminismus. Wir glauben, dass sich Islam und Feminismus verbinden lassen2.

Jedoch: Auf diese Deutung der Dinge zielte die von der Hochschulgruppe DIWAN geäußerte Kritik an dem Plakat nicht ab. Stattdessen wurde die von uns gemalte Vulva mehrmals als schmutziges und beleidigendes Symbol bezeichnet. Dass eine Vulva derartige Gefühle hervorruft, legt vorherrschende sexistische Verhältnisse offen. Wird die Kulturgeschichte der Vulva betrachtet, so fällt auf, dass die Vulva abwechselnd als entweder unsichtbar und nicht vorhanden, oder als Ort des Untergang des Mannes und damit einhergehend als überaus bedrohlich verhandelt wird (Sanyal 2009:8 ). Seit jeher sind Sexualität und Medizin männlich dominierte Bereiche, Personen mit Vulva wird eine eigenständige und selbstbestimmte Sexualität abgesprochen und weibli_che* Körper werden massiv abgewertet. In diesem Sinne ist die Vulva ein (häufig cis-) feministisches Symbol und steht für Selbstbestimmung, Aneignung des eigenen Körpers und der eigenen lustvollen Sexualität. Für uns ist die Vulva weder schmutzig noch beleidigend, sondern ein Zeichen des Kampfes gegen sexistische Unterdrückung. Wir vertreten vor diesem Hintergrund weiterhin die Auffassung, dass die Abbildungen von Vulven in der Öffentlichkeit ihren berechtigten Platz haben und werden diese auch weiterhin in der Öffentlichkeit zeigen.

Kontakt: div_a[ät]web.de

1 Während z.B. schon die britische Kolonialisation Ägyptens mit der Rhetorik der Frauenemanzipation legitimiert wurde (vgl. Bracke 2012: 241), so wurde z.B. ebenso der Afghanistankrieg u.a. mit einer vermeintlichen Frauenbefreiung gerechtfertigt.

2 Vgl.:
- https://jaythenerdkid.wordpress.com/2014/02/23/muslim-queer-feminist-its-as-complicated-as-it-sounds/
- http://queermuslimproject.tumblr.com/
- http://www.queer.de/detail.php?article_id=4341
- http://www.gigi-online.de/Hatun43.htm
- http://www.bzw-weiterdenken.de/2007/10/gott-hat-viele-schone-namen/

3 So sind manche Menschen aus ökonomischen Gründen gezwungen zu heiraten, andere um einen sicheren Aufenthaltsstatus zu erhalten.

Literatur

  • Attia, Iman (2009): Die ‚westliche Kultur‘ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Bielefeld: transcript.
  • Bracke, Sarah (2012): From ‚saving women‘ to ‚saving gays‘: Rescue narratives and their dis/continuities. In: European Journal of Women’s Studies. 19: 2 , S. 237-252.
  • Sanyal, Mithu M. (2009): Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Berlin: Wagenbach.